Bewerbung für ein Stipendium

Mitte letzten Jahres fasste ich den Entschluss, im Ausland zu studieren, um meine Englischkenntnisse aufzubessern, von zu Hause weg zu kommen meinen Horizont zu erweitern. Da ich im Herbst 2003 (nach dem Vordiplom im 4. Semester) weg wollte, ging ich im Juli 2002 zum Akademischen Auslandsamt (AAA) um mich über die Möglichkeiten eines Stipendiums zu informieren. Dort wurde ich auch recht freundlich empfangen, mir wurde gesagt, dass SOKRATES/ERASMUS unmöglich sei, da der Mathematik-Fachbereich keine Partneruniversität im englischsprachigen Raum besitzt und ich bekam eine 200 Seiten starke Broschüre des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in die Hand gedrückt und den Hinweis, dass ich mich bei Fragen doch gerne an das AAA wenden sollte.

Zu Hause fing ich somit an zu Lesen und stellte als erstes fest, dass die Bewerbungsfrist für ein Stipendium für die USA am 1. Juni ausgelaufen war, somit meine Wahl spontan auf Großbritannien fiel, da ich dort noch bis zum 1. Oktober Zeit mit der Bewerbung hatte. Da in dem Heft des DAAD mehrere Programme beschrieben waren, wusste ich nicht immer genau, welche Beschreibungen nun auf mich zutrafen. Daher wendete ich mich an das AAA und wurde mit dem Hinweis nach Hause geschickt, dass das doch alles in der Broschüre stehen würde und ich diese doch bitte lesen sollte - was ich getan hatte. Dasselbe widerfuhr mir später noch mal, so dass ich fortan versuchte, meinen Auslandsaufenthalt ohne die "Hilfe" des AAA zu planen. Im Nachhinein habe ich rausgefunden, dass die im Internet stehenden Öffnungszeiten falsch sind, ich somit immer während der Mittagspause da war. Vielleicht war das ein Grund für die eher bescheidene Hilfsbereitschaft.

Die Bewerbung für den DAAD füllte ich dann fristgerecht aus (Personalien, Lebenslauf, Studienverlauf etc). Außerdem benötigte ich noch zwei Gutachten von zwei Professoren und Herr Betke und Herr Dreseler erklärten sich sofort bereit, diese zu schreiben. Schwieriger war schon der mit einem Professor abgesprochen Studien und Vorlesungsplan für Zielort. Wo bitte sollte ich über ein Jahr im Voraus ein Vorlesungsverzeichnis, das noch gar nicht existierte, herbekommen. Außerdem fördert das DAAD kein "normales" Auslandsstudium, sondern ein Projekt im Ausland. Somit musste ich mir noch ein Projekt suchen (dabei wollte ich doch wirklich nur ein Jahr nach Großbritannien). Da britische Mathematik weitestgehend mit deutscher übereinstimmt, war ich in ziemlicher Beweisnot und habe auch bis zum Ende kein wirklich gutes Projekt gefunden sondern meine Begründung darauf gestützt, dass ich mich auf reelle Analysis spezialisieren wolle, dieses in Siegen jedoch nicht könnte.

Da bei dem DAAD die formale Korrektheit sehr wichtig ist (formale Fehler sind angeblich ein KO-Kriterium) und ich die Unterlagen beim AAA abgeben musste, habe ich den diesmal sehr freundlichen Mitarbeiter des AAA gebeten, noch mal alles auf formale Korrektheit zu überprüfen. Wenig später wurde ich auch zu einem Gespräch Ende Januar in Bonn eingeladen - die Reisekosten wurden nach Vorlage des Bahntickets erstattet. In einer Runde mit 7 Professoren und 2 DAAD-Mitarbeitern wurde ich über meinen Lebenslauf, mein Studium und mein Projekt gefragt. Fachfragen kamen kaum, insgesamt wirkte das mehr wie eine normale Gesprächsrunde als wie eine Prüfung. Jedoch war zum Schluss hin zu merken, dass sie mein Projekt (berechtigterweise) als zu schwach empfanden, somit kam wenige Wochen später eine Absage des DAAD. Die Hoffnung auf ein Stipendium war gestorben.

Bewerbung an der Universität Edinburgh

Die Uni Edinburgh empfahl mir Professor Dreseler - diese Wahl wurde bestätigt. Zuerst war ich davon ausgegangen, dass ich einen TOEFL-Test mit 213 von 300 Punkten bestehen muss. Also nahm ich an diesem (mit Vorbereitung!) Teil und war mit 220 Punkten erfolgreich. Im Nachhinein habe ich rausgefunden, dass er für Visiting Undergraduate (Besuchsstudenten vor dem ersten Abschluss, ein Vordiplom zählt nicht!) doch keinen TOEFL-Test gebraucht hätte. Geschadet hat er aber nicht und in meiner Bewerbung hat er sich auch gut gemacht.

Die Bewerbung musste bis zum 31. März 2003 eingereicht werden. Sie umfasste neben dem optionalen TOEFL-Test das Übliche: Personalien, Lebenslauf, Studienverlauf, etc. Außerdem benötigte ich erneut zwei Gutachten von zwei Professoren. Ich bat Herr Dreseler und Herr Betke, die für das DAAD geschriebenen Gutachten auf Englisch zu übersetzen und erneut halfen mir beide sofort. Ich sollte erneut angeben, welche Veranstaltungen ich besuchen möchte, jedoch stellte sich nach einem Telefonat raus, dass dieses nicht so dringend sei, das könne vor Ort geklärt werden. Ich solle einfach grobe Wünsche angeben.

Etwa zwei Monate später bekam ich die Nachricht, dass ich akzeptiert wurde und Informationen, um mich für eine Wohnung zu bewerben. Jedoch konnte mir keine Unterkunft garantiert werden, da ich weder an einem Austauschprogramm teilnehme, noch ein Student aus Übersee bin. Und so bekam ich auch wenig später eine Absage und den Hinweis, dass ich mich privat um eine Unterkunft kümmern müsse.

In weiteren Briefwechseln war noch das Ausfüllen weiterer Formulare für Studentenausweis etc. notwendig, außerdem bekam ich weitere Hinweise über den Matrikulationsvorgang, das Bezahlen der Studiengebühren (1125 Pfund), die Vorbereitung des Aufenthalts und die private Wohnungssuche. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Uni sehr bemüht war, ausländischen Studenten die Planung zu erleichtern.

Flug

Den Flug sollte man rechtzeitig Buchen und sich bei verschiedenen Gesellschaften umhören, ein Vergleich lohnt sich. Ich hatte das Glück, dass Germanwings von Köln-Bonn nach Edinburgh fliegt und - obwohl ich erst etwa 6 Wochen vor Abflug gebucht habe - der Flug mit 59 Euro doch noch erschwinglich war. Die Gepäckbegrenzung auf 20 Kilogramm Reisegepäck plus 8 Kilogramm Handgepäck reichte für dich wichtigsten Sachen (Kleidung, Schuhe, Handtücher, Laptop etc) allemal aus, zumal man Pakete (20 kg) per Post für 28.50 Euro nachschicken lassen kann.

Früh morgens ging es dann mit etwas Nervosität vorm ersten Flug zum Flughafen, Verabschiedung der Freundin und einchecken. Der Flug dauerte etwa 90 Minuten, doch leider konnte ich auf meinem ersten Flug trotz Fensterplatz wegen starker Bewölkung nicht viel sehen. In Edinburgh holte ich das Gepäck vom Gepäckband und - da war ich. Zuerst kam ich mir ziemlich verloren vor, jedoch gab es direkt im Flughafen eine Touristeninformation (mit fast akzentfreiem Englisch!!!), die Stadtpläne und Buskarten verkaufte und mir geduldig den Weg zur Jugendherberge erklärte. Schuttelbusse zum Zentrum fahren Tagsüber im 10-Minuten-Takt. Da ich einige Haltestellen vor der Endstation aussteigen musste, jedoch in den Bussen keine Anzeige der Haltestellen existiert, fragte ich den Busfahrer, mir am West End bescheid zu sagen, da ich von dort weiter zur Jugendherberge kam.

Die Jugendherberge

Die Jugendherberge Edinburgh Bruntsfield ist neben Edinburgh Eglinton eine der zwei dauernd geöffneten offiziellen Jugendherbergen in Edinburgh. Eine Buchung über das Internet für bis zu 7 Tage ist ohne weiteres möglich, die Nacht kostet etwa 14 Pfund. Jedoch erfüllt das Youth Hostel nicht ganz deutsche Standards: 8er oder 10er Zimmer sind normal, Bettwäsche ist zwar im Preis enthalten, jedoch bedeutet das, dass jeder Besucher einen "Stoff-Schlafsack" bekommt und in der selben Bettwäsche wie seine x Vorgänger schläft. Die Duschen und Toiletten sind alt, aber weitestgehend sauber. Zwar ist keine Verpflegung im Preis inbegriffen, aber es gibt eine komfortable Küche mit Kühlschrank, Mikrowelle, Herd und Ofen. Da die Jugendherberge genau wie einige Supermärkte rund um die Uhr geöffnet hat, muss man also nie hungern.

Etwas ungewohnt - aber eigentlich sehr angenehm - ist, dass die Küche, Flure, Ess- und Aufenthaltsraume der Jugendherberge, genau wie alle Busse und die meisten öffentlichen Gebäude, permanent Videoüberwacht werden. Kontakt findet man in Jugendherbergen freilich schnell, insbesondere das Fußball-EM-Qualifikationsspiel Deutschland-Schottland am ersten Abend diente der Völkerverständigung.

Wohnungssuche

Die Wohnungssuche gestaltete sich als der bisher schwierigste Teil des Auslandsaufenthalts. Dass der Britische Wohnungsstandard niedriger ist als der Deutsche, wusste ich vorher. Was das jedoch wirklich bedeutet, wurde mir erst hier bewusst: Ein "normal sized room" würde mit geschätzten 8 Quadratmetern in Deutschland gerade als geräumige Besenkammer durchgehen, mit Schrank und Bett ist oft kein Platz für einen wirklichen Schreibtisch. Alles wirkt älter als in Deutschland, z.B. ist Doppelglas und Gummidichtungen an den Fenstern nicht der Regelfall. Das hat zur Folge, dass man bei mehrfach überstrichenem Rahmen das sowieso schon kaum isolierte Fenster zwangsläufig auch nicht richtig schließt, man daher astronomische Heizkosten haben wird oder friert.

Außerdem scheinen Britische Studenten ein anderes Verhältnis zur Sauberkeit zu haben: In mehreren Wohnungen, die ich besichtigte, stapelte sich das benutzte Geschirr auf dem Esstisch, teils hatten die unteren Teller des etwa 20 Teller hohen Stapels schon Schimmel angesetzt. Aufwaschen war nicht möglich, da das Spülbecken und die Arbeitsplatte voller dreckiger Töpfe bzw. Gläser stand. Für ein solches "normal sized" Zimmer in einer dreckigen 5er WG sind dann Mieten von 250 Pfund + bills (also 375 Euro + Telefon, Strom und Heizung) üblich.

Des Weiteren gibt es natürlich auch Miethaie, und heimatlose, unerfahrene Studenten auf der dringenden Suche nach einer Unterkunft, die die Sprache nicht perfekt beherrschen und das Rechtssystem nicht kennen sind ein gefundenes fressen.

So bin ich in eine sehr schöne und geräumige 3er Flat mit zwei netten Mitbewohnerinnen gekommen - 280 Pfund Monatsmiete + Nebenkosten. Nachdem mich nach Nötigung der Vermieterin zu einer sofortigen Entscheidung entschieden hatte, dort zu bleiben, musste ich eine Kaution von 420 Pfund zahlen und bekam eine Quittung. Abends brachte sie uns dann den Vertrag vorbei und verschwand. Bei genauerem Durchlesen gab es dann einige Probleme: Mietzeit ist 13 Monate (nicht bloß 9, wie zugesagt), außerdem sind Besucher verboten und noch sehr viele ungewöhnliche Zusatzkosten.

Als wir am nächsten Tag Hilfe bei der Studentenberatungsstelle suchten, teilten sie uns mit, dass wir leider keine rechtliche Grundlage für eine Rückerstattung der Kaution hätten. Nach einer heftigen Diskussion mit der Vermieterin bot sie uns an, 350 Pfund zurückzuerstatten, wenn wir die Wohnung sofort verlassen würden. Wir mussten zähneknirschend einstimmen, auch wenn für über 100 Euro für eine Nacht ein Hotel angenehmer gewesen wäre.

Nach fast 3 Wochen hatte ich eine schöne und preiswerte Wohnung in zentraler Lage gefunden und zwei Dinge gelernt: Ersten: Wenn dich jemand unter Entscheidungsdruck setzt, sage nein und verschwinde und zweitens: Gib niemandem eine Kaution ohne einen Vertrag gesehen und unterschrieben zu haben.

Freshers Week

Übersetzt heißt Freshers Week "Frischlingswoche" und ist eine erweiterte Erstsemestereinführung. Eine Woche lang gibt es rund um die Uhr mehr Angebot an Kultur, Informationen, Städtetouren, Events und Partys als man wahrnehmen kann. Einiges ist kostenlos, für andere Events muss man einen Freshers Paket mit Ausweis und diversen Informationsbroschüren für 27 Pfund erwerben.

Da ich mir nichts entgehen lassen wollte, legte ich mir also einen Freshers-Pass zu. An interessanten Programmpunkten gab es gute Livemusik, Comedy und eine Hypnoseshow sowie jeden Abend Party. Während die Comedy (sowohl der einzelne Bühnenkomiker als auch Shakespeares Comedy of Error mir sehr schnell meine sprachlichen Grenzen aufzeigte und somit eher begrenzt amüsant war, fand ich die Hypnoseshow faszinierend. Sie war so beeindruckend, dass ich zuerst glaubte, die angeblich willkürlich auf die Bühne gestürmten, nun hypnotisierten Zuschauer seien in Wirklichkeit vom Schauspieler und würden zum Hypnoseteam gehören. Mittlerweile habe ich aber einige von denen in der Uni gesehen, es waren anscheinend wirklich hypnotisierte Erstsemester.

Auf den Partys zeigte sich sehr schnell ein anderes Problem: Der Altersunterschied. Aufgrund der früheren Einschulung und kürzeren Schuldauer sind die meisten Erstsemester erst 17 Jahre. Durch die unterschiedlichen Interessen bekam man in dieser Zeit viel internationalen Kontakt zu anderen Visiting Students.

Während der Freshers Week war auch die Matrikulation. Ich füllte sämtliche von der Uni per Post und vor Ort erhaltenen Formulare aus und begab mich zur Matrikulation. Zwar stand bereits in einigen Briefen, dass man bitte mindestens eine Stunde einrechnen sollte, jedoch war es schon etwas entmutigend, die über 50 Meter aus dem Gebäude herausreichende Schlange zu sehen. Nach etwas über einer Stunde kam ich auch in das Gebäude rein, gab an verschiedensten Stationen meine Formulare ab, zahlte die Studiengebühren in Höhe von 1125 Pfund und bekam meinen Studentenausweis.

Eröffnung eines Bankkontos

Alternativ hätte dieses Kapitel auch "Die unendliche Geschichte", "Wie vereint Europa wirklich ist" oder "Das Land, das Verrückte macht" (in Anlehnung an das Haus, das Verrückte macht aus Asterix und Obelix) heißen können:

Direkt am zweiten Tag wollte ich ein Bankkonto bei der Royal Bank of Scotland eröffnen, dort wurde mir jedoch mitgeteilt, dass ich dafür eine Adresse in Großbritannien benötige. Somit verschob ich die Eröffnung auf später, sobald ich eine Wohnung gefunden hatte und fand mich damit ab, solange mit Kreditkarte zu bezahlen und trotz Gebühren mein Geld per EC-Karte aus Deutschland abzuheben. Wie schwierig es wirklich ist, ein Konto hier zu eröffnen, konnte ich mir da noch nicht vorstellen...

Während der Freshers Week hatte die Royal Bank of Scotland einen Container neben der Uni, wo man sich wohl problemlos ein Bankkonto zulegen konnte. Leider hatte ich zu dieser Zeit noch keine Bestätigung meiner Adresse, da mein Vermieter mir noch keine unterschriebene Kopie des Mietvertrags gegeben hatte.

Nachdem ich dann meinen Mietvertrag hatte, ging ich samt Studentenausweis, Personalausweis und Mietvertrag zur Bank of Scotland. Dort teilte man mir mit, dass ein privater Mietvertrag nicht als Adressbestätigung akzeptiert würde, ich benötige eine offizielle Rechnung, z.B. eine Telefonrechnung. Etwas frustriert machte ich mich auf den Heimweg und wartete auf die erste Telefonrechnung.

Mit dieser besuchte ich in der darauffolgenden Woche erneut die Bankfiliale und bekam mitgeteilt, dass das so OK sei und wir vereinbarten für den übernächsten Tag einen Termin zum Ausfüllen der Formulare. Zum vereinbartem Termin wurde mir mitgeteilt, dass eine Telefonrechnung leider nicht akzeptabel sei. Ich benötige meinen Mietvertrag (!) oder eine Gas- und Elektrizitätsrechnung. Außerdem könne mein Personalausweis nicht als Beweis meiner Identität akzeptiert werden, da er in Großbritannien nicht gültig sei. Ich solle bitte meinen Reisepass mitbringen. Ungläubig erklärte ich der genauso ungläubigen Bankangestellten, dass ich keinen Reisepass besitze und der Personalausweis immerhin offiziell genug sei, um durch Europa (inklusive UK) zu reisen. Sie schrieb daraufhin eine Email an den Council (die Stadtverwaltung), ob ein Ausweis als Identitätsbestätigung gültig sei. Ich solle doch bitte in der darauffolgenden Woche wiederkommen.

In der Woche drauf hatte ich mittlerweile auch eine Gasrechnung, packte also Gasrechnung, Mietvertrag und Telefonrechnung ein und ging erneut zur Bank. Der Council hatte der Bank mitgeteilt, dass mein Personalausweis akzeptabel sei, blieb also nur noch die Bestätigung meiner Adresse. Die (diesmal andere) Bankangestellte sah sich Mietvertrag, Gasrechnung und Telefonrechnung an und kopierte als Adressbestätigung die Telefonrechnung! Dann musste ich noch 50 Pfund auf mein Konto einzahlen und konnte auch endlich die ersten Rechnungen bezahlen. Außerdem wurde es allmählich Zeit für den Dauerauftrag für die Miete.

Da dafür die 50 Pfund natürlich nicht ausreichten, versuchte ich zu Hause mittels Online Banking Geld von meinem Heimkonto auf mein hiesiges Konto zu überweisen. Da ich nicht genau wusste, was ich als Bankleitzahl eintrage sollte, rief ich bei meiner heimischen Bank an um mitgeteilt zu bekommen, dass leider Auslandsüberweisungen mit Online Banking nicht möglich sind (Bis heute weiß ich nicht, ob das wirklich stimmt). Außerdem solle ich für normale Überweisungsträger den IBAN und den Swift - Code meiner schottischen Bank erfragen.

Tags drauf teilte mir die Bank of Scotland mit, dass sie diese Codes normalerweise nicht an Kunden geben und meiner heimische Bank die Adresse der Filiale genügen sollte. Jedoch könnten sie mir ausnahmsweise diese Daten per Brief an meine Heimadresse senden. Mich überraschten diese weiteren Probleme nicht mehr besonders, also musste ich wohl vorerst in den sauren Apfel beißen und Geld per EC-Karte von der heimischen Bank abheben und auf mein schottisches Konto einzahlen, da bald die zweite Monatsmiete fällig war.

Etwas ungläubiger war ich schon, als ich eine weitere Woche später einen Anruf der Bank bekam, das meine Adressbestätigung ungültig sei, da mein Name dort "Novak" anstelle "Nowak" geschrieben sei. Ich möge bitte spätestens in den nächsten zwei Wochen meinen Mietvertrag vorbeibringen, oder das Konto müsse gesperrt werden. In der darauffolgenden Woche brachte ich den Mietvertrag vorbei und seitdem gab es keine weiteren Probleme mehr.

Nach all dem Aufwand ist es mir also gelungen, ein Konto ohne Überziehungskredit einzurichten mit einer Bankkarte, mit der ich ausschließlich innerhalb Großbritanniens an Automaten der Bank of Scotland und Partnern Geld abheben kann und nicht in Geschäften bezahlen kann.

Im Nachhinein betrachtet habe ich den Fehler gemacht, zu einer kleinen Filiale in meiner Nähe zu gehen. Vermutlich wäre es weit problemloser gegangen, wenn ich eine größere Filiale in der Nähe der Uni oder des Stadtzentrums besucht hätte. Zwar habe ich bisher niemanden getroffen, der keine Probleme bei der Eröffnung eines Kontos hatte, aber das oben beschrieben Chaos war dennoch ungewöhnlich.

Die Universität

Die Universität selbst ist nicht ein großer Campus, sondern quer durch die Stadt verteilt. Es gibt einige größere Campus (George Square, Old College, Kings Buildings) aber auch viele in der Stadt versprenkelte einzelne Gebäude. Mathematik und Informatik sind für höhere Semester jedoch immer im James Clark Maxwell Building in den Kings Buildings.

Die Uni hatte mir per Brief einen Termin für ein erstes Treffen während der Freshers Week mitgeteilt. Da dieses aber eher für wirkliche Erstsemester als für Visiting Students höherer Semester gestaltet war, gab es außer der Information, wer unser Director of Studies ist, nichts Interessantes. Der Director of Studies ist der für einen verantwortliche Dozent und der erste Ansprechpartner des Studenten bei Schwierigkeiten. Am Jahresanfang musste er eine Matrikulationsform unterschreiben und ich meine Kurswahl mit ihm absprechen.

Insgesamt ist das System in Schottland völlig anders, eher verschulter. Ein Bachelor dauert vier Jahre, in jedem Jahr muss man Module belegen, die eine bestimmte Anzahl von Kreditpunkten wert sind. Über ein Jahr muss man auf 120 Kreditpunkte kommen.

In den ersten beiden Jahren sind die mathematischen Module festgelegt, jedoch kann man etwa die Hälfte der Module völlig frei wählen.

Im dritten und vierten Jahr gibt es dann jahresspezifische Angebote, wobei quasi jedes Jahr dieselben Module angeboten werden und die Inhalte größtenteils festgelegt sind. Dadurch ist es möglich, Module aufeinander aufzubauen, da sich ein Dozent eines Viertjahresmoduls ziemlich sicher sein kann, was im Drittjahresmodul gemacht wurde. Studenten, die gewisse notwendige Drittjahresmodule nicht belegt haben, können darauf aufbauende Vorlesungen auch nicht besuchen. Fast alle Module eines Jahres finden in dem selben Raum statt, Überschneidungen verschiedener Module desselben Jahres eines Faches gibt es nicht.

Ein Modul ist im ersten (längeren) Semester zweistündig, im zweiten (kürzeren) Semester dreistündig. In diesen Stunden sollen etwa 20 Vorlesungen und 5 Tutorien sein, dabei ist die Einteilung dem Dozenten selbst überlassen. Im dritten und vierten Jahr wählt man insgesamt mindestens 8 Module, davon mindestens 6 dem Studienjahr entsprechende Mathematikmodule. Wie man diese Module auf beide Semester verteilt, ist nicht vorgeschrieben.

Es ist es auffällig, dass der Schwerpunkt sehr deutlich auf praktische Übungen und breite Bildung gelegt wird. Einerseits ist durch die geringe Stundenanzahl pro Modul sowieso kaum Zeit um tief in die Materie einzudringen, andererseits legen Dozenten mehr Wert auf gutes Verständnis der Grundlagen. So werden Beweise mit jeder Umformung ausführlich aufgeschrieben und jeder wichtige Satz mit vielen Beispielen erläutert. Die Übungsaufgaben sind zum großen Teil einfache Routineaufgaben, die mehr den sicheren Umgang mit dem Vorlesungsstoff als das kreative Finden mathematischer Beweise schulen sollen.

Dafür geben Dozenten immer wieder Hinweise auf interessante andere Gebiete, mit denen sich interessierte Studenten neben der Vorlesung beschäftigen können.

Die Prüfungen sind alle schriftlich und finden nach dem Ende des zweiten Semesters statt, so dass es dieser Zeit bis zu 10 Klausuren in zwei Wochen sein können. Da es keine mündlichen Prüfungen gibt, sind auch Reproduktion von Beweisen beliebte Klausuraufgaben. Insgesamt sind die Klausuren viel mehr auf Lernen, Verständnis und Reproduktion bekannten Stoffes ausgelegt als auf eigenständiges Problemlösen. Die Schwierigkeit in einer Klausur besteht darin, möglichst viel bekanntes Wissen in kurzer Zeit wiederzugeben. Aufgaben sind entweder Wiedergabe des Vorlesungsinhaltes (z.B. Angeben von Definitionen), Aufschreiben eines Beweises aus der Vorlesung oder Rechnen einer zu Übungen völlig analogen Aufgabe. Außerdem bestehen die Klausuren aus Auswahlaufgaben (in Mathematik sind 3 von 4 Aufgaben zu lösen, in Informatik 2 von 3), so dass man trotz Wissenslücken in einem Thema noch eine gute Klausur schreiben kann. Bei dieser Art von Klausuren sind Bücher und Scripte natürlich nicht erlaubt.

Das führt einerseits dazu, das man mit Fleiß ohne echtes mathematisches Verständnis ein Mathematikstudium schaffen kann. Andererseits führt dieser Lerndruck auch dazu, dass alle Studenten in den letzten ein oder zwei Monaten vor den Prüfungen sehr konsequent lernen. Ich war in einer Lerngruppe drin, die sich über 5 Wochen hinweg jeden Tag (inklusive Samstags und Sonntags) von morgens 10 bis abends 9 zur Examensvorbereitung an der Uni getroffen hat.

Genauso wie die Form der Klausur ist auch die Benotung fest vorgegeben. Bis 70% gibt es ein A, bis 60% ein B, bis 50% ein C, bis 40% ein D und darunter ist nicht bestanden. Aufgrund der Aufmachung der Klausuren und der konsequenten Vorbereitung der Studenten fallen jedoch nur sehr wenige durch.

Da in Schottland die Schule mit 5 Jahren begonnen wird und 12 Jahre dauert, fangen die meisten mit 17 Jahren ihr Studium an und erreichen mit 21 oder 22 Jahren ihren Bachelor-Abschluss. Dieser ist zwar "niedriger" als ein Diplom, reicht aber für viele Berufe aus. Darum ist die Berufswahl in Schottland nach dem Studium auch nicht wirklich festgelegt. Man kann sich mit einem Abschluss bei vielen Firmen auch fachfremd bewerben, da diese sowieso davon ausgehen, einen Anfänger firmenintern fertig auszubilden.

Wer seine Kenntnisse noch vertiefen möchte, kann auf einen Bachelor einen Master draufsetzen. Dieser muss jedoch formal nicht in demselben Fach sein. Es ist z.B. ohne Weiteres möglich, auf einen Bachelor in Maschinenbau einen Master in Mathematik zu setzen. Grundlegende Kenntnisse des Bachelor-Stoffes des Masterfachs werden natürlich dennoch erwartet.

Wer wissenschaftlich Arbeiten, sich weiter Qualifizieren oder auf Dauer an der Uni bleiben möchte, promoviert. Eine Promotion (PhD) kann sowohl auf einen Master als auch direkt auf einen Bachelor aufgesetzt werden und dauert etwa 3 bis 4 Jahre. So kommt es, dass manche Studenten im Alter von 25 promoviert sind - in Deutschland hat man dann gerade sein Diplom oder Master.

Freizeitaktivitäten

In der Freizeit gibt es hier Unmengen zu tun. Man kann über die Princess Street oder durch Parks schlendern und - wenn es der Geldbeutel erlaubt - durch große Einkaufsgalerien shoppen gehen, Theater, Kino und Musikevents besuchen oder durch den nahegelegenen Nationalpark und die ländliche Umgebung wandern. Die meist kostenlosen Museen und das Edinburgh Castle ist auch für Geschichtsmuffel ein Muss, die unzähligen Societies und Sportclubs der Universität sind zwar nicht immer kostenlos, aber mit bis zu 15 Pfund pro Jahr sehr preiswert. Für Fitnessfreaks gibt es eine Jahresmitgliedschaft in einem Sport- und Fitnesscenter für 50 Pfund. Obwohl eigentlich alles teurer als in Deutschland ist, gibt es einige preiswerte Studentenkneipen, so dass auch das Nachtleben nicht zu kurz kommt. Aufgrund der nördlichen Lage von Edinburgh hat man gerade im Winter genug davon. An warmen Frühlingstagen streben Tausende in die zentralen Parks, entweder um in den Princess Street Gardens zu faulenzen oder um in den Meadows Sport zu treiben oder dabei zuzusehen.

Touren in die Umgebung Edinburghs sind dank sehr preiswerter Busunternehmen lohnenswert, eine Busfahrt von Edinburgh nach Perth, Stirling, St. Andrews, Glasgow oder Dundee kostet bei Onlinebuchung ein Pfund.

Edinburgh

In Edinburgh selbst habe ich mich schnell zurechtgefunden. Es gibt ein sehr gutes Busnetz, außerdem ist mit Wegen von bis zu 4 km auch alles noch zu Fuß zu erreichen. Eine 4-Wochen Buskarte ist mit 33 Pfund nicht billig, lohnt sich aber besonders für die ersten 4 Wochen unbedingt. Einzelfahrten kosten im Nahverkehr fast alle 80p, jedoch wechseln die Busfahrer nicht.

Die Stadt selbst ist klar in Alt- und Neustadt getrennt und wird von dem Castle am Ende der Royal Mile - dem Herzen der Altstadt überragt. Im Norden liegt sie am das Firth of Forth, einer Meeresbucht, ansonsten geht Edinburgh fließen in die Vororte und ländlichere Regionen über.

Herausragend ist Arthurs Seat: Der Berg im Herzen Edinburghs. Vom Stadtzentrum selbst ist man in etwa 25 Minuten zu Fuß in einer anderen Welt: Eine Graslandschaft mit Bergseen, hinter einem die Stadt und vor einem "Highlandfeeling". Auf dem Gipfel des 250 Meter hohen Berges pfeift zwar ein eisiger Wind, der Ausblick über Edinburgh und auf das nahegelegene Firth of Forth ist aber wunderschön.

Während Supermärkte (auch Sonntags) teils rund um die Uhr aufhaben, schließen die typischen Shoppingläden an der Princess Street meistens gegen 6 Uhr. Extensives Shopping ist aber sowieso nicht möglich, denn die Faustregel fürs Umrechnen von Pfund in Euro ist: ein Pfund kostet 1,5 Euro und ist ein Euro wert.

Besonders auffällig ist aber die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Schotten: Bei Fragen nach dem Weg erklären einem sowohl Passanten als auch Busfahrer in einer Engelsgeduld den Weg, meist sogar in einem einigermaßen akzentfreiem Englisch. Teilweise begleiteten mich Fußgänger sogar einige Minuten, um mir eine bestimmte Adresse bei der Wohnungssuche zu zeigen.

Ungewöhnlich ist auch das Wetter. Denn hier gibt es echtes Wetter. Während um 9 die Sonne scheint kann es um 10 stürmen, um 11 regnen und um 12 wieder strahlend blauer Himmel sein. So lernt man schnell, dass man ich Schottland nicht ohne einen Regenschirm aus dem Haus geht. Deutlich kälter als in Deutschland ist es aber nicht.

Schottland

Während der Studienzeit wanderte ich viel in den Highlands. Bemerkenswert ist dort die Einsamkeit und unberührte Natur. Oftmals gibt es keine Wanderwege, so dass man entlang eines Flussbettes oder querfeldein geht. Da man bei jeder Wanderung durch Hochmoor, tiefe Wiesen und kleine Rinnsale geht, sind wasserdichte Wanderschuhe Pflicht. Tückisch sind auch die durch Erosion abgerundeten Berggipfel, so dass man die Spitze des Berges nicht von unten sieht. Allerdings sollte man vorsichtig sein, da es auf einem einsamen Berg auch schnell zuziehen und man ohne Kompass die Orientierung verlieren kann. Von diesen Hindernissen abgesehen fand ich es traumhaft, relativ einsam in unberührter Natur abseits der Zivilisation ein bemerkenswertes Gefühl von Freiheit zu erleben.

Im Anschluss an das Studium fuhr ich noch zwei Wochen durch Schottland. Auf dem Programm stand eine Mischung aus Sightseeing, Distillerien, Natur und Wandern. Nach vorheriger Buchung war mit Mietwagen problemlos möglich, abends in einer der unzähligen Jugendherbergen unterzukommen.

Beeindruckend ist die geringe Bevölkerungsdichte. Nördlich von Stirling leben in Schottland nur eine Million Menschen. So passierte es, dass man nach 15 Meilen Single-Track-Road plötzlich auf kleine einsame Dörfchen mit drei oder vier Häusern stößt. Überall gibt es dafür Schafe. Sie grasen an Klippen und neben Burgen, laufen unbekümmert über die Straße und stören sich nicht an vorbeifahrenden Autos.

Ansonsten faszinieren die historischen Burgen und auf den Orkney Inseln Skara Brae - ein 5000 Jahre altes, original möbliertes Steinzeitdorf.

Wirklich atemberaubend sind jedoch die einzigartigen Landschaften: Die Küsten des Nordens, geprägt durch schroffe Felsen, steil abfallende Klippen, Wasserfälle und bizarre Steinformationen. The Great Glen mit Wasserfällen und steilen Bergen zu jeder Seite. Die Trossachs mit endlos vielen Lochs und wunderschönen Wanderungen. Isle of Skye, die romantischste und wildeste der inneren Hebriden. Es gab kaum eine mögliche Formation, die man der schottischen Natur nicht zugetraut hätte.

Rückkehr

Die Rückkehr verlief reibungsfrei. Das schließen des Bankkontos, das Verlassen der Wohnung und die Rückerstattung der Kaution waren problemlos, dank zwischenzeitlicher Heimreisen kam ich ohne Übergepäck aus. In den ersten Tagen suchte ich manchmal nach deutschen Worten oder mischte Deutsch und Englsich, nach wenigen Tagen legte sich das jedoch.

Insgesamt habe ich in der Zeit viel gelernt. Besseres Englisch, eigenständiges Leben führen, eine andere Mentalität, insbesondere die deutlich flexiblere und liberalere, aber auch härtere Einstellung bezüglich Arbeitsbedingungen und -zeiten und einen Einblick in ein völlig anderes Unisystem.

Außerdem hat es viel Freude bereitet, neue, interessante Leute kennenzulernen und - da es mit Anerkennung der erbrachten Leistungen schwierig ist - ein Jahr ohne echten Druck zu studieren und zu Leben.

Der Abschluss ist natürlich wieder eine Bankgeschichte: Da die letzte Telefonrechnung von etwa 11.80 Pfund (etwa 18 Euro) nicht mehr von meinem schottischen Konto abgebucht werden konnte, wurde sie nach Deutschland gesendet. Jedoch stellt es sich als fast unmöglich heraus, diese von Deutschland zu bezahlen. Die British Telekom kann mir trotz mehrfacher Nachfrage nicht genügend Bankinformationen (insbesondere kein IBAN und kein BIC/Swift) geben um das Geld zu überweisen. Bei einem Scheck können - meiner Heimbank zufolge - Gebühren bis zu 50 Euro entstehen. Bezahlen mit Mastercard ist zwar möglich, jedoch nicht mit einer deutschen Mastercard. Bargeld in einem Brief können sie nicht akzeptieren. Die mir vorgeschlagene Bezahlmethode "Telebanking" war meiner Heimbank nicht bekannt, insbesondere nicht geheuer.

So kommt es, dass die einzige realistische Bezahlmöglichkeit war, einem Freund in Schottland Bargeld und Rechnung zu senden und dass dieser die Rechnung von seinem Konto aus bezahlt. Es lebe das vereinte Europa Union.

Fazit

Die Zeit in Schottland war sehr prägend und hat sich trotz einiger schmerzhafter Erfahrungen am Anfang meines Aufenthalts in jedem Fall gelohnt.

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25.07.2006
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